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vonwestnachost

Der Anfang

Oder: Warum das Ganze?

Heute sollte es also beginnen, unser großes Abenteuer. Monatelange Planung und unglaublich viel Arbeit hatten uns doch tatsächlich bis hier hergebracht, zum Bahnhof. Aber wie war es dazu gekommen? Wer hatte noch gleich die Idee, mit dem Fahrrad nach Rumänien zu fahren? Und warum?!
Alles begann in einer Physikstunde, vor sehr sehr langer Zeit. Es muss irgendwann im Herbst oder Winteranfang gewesen sein, aber so genau lässt sch das heute nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls gab es in dieser Physikstunde, genauer gesagt in der fünfminütigen Pause zwischen zwei Physikstunden, irgendetwas, das Johanna und mich zu dem Entschluss bewegte, sportlich zu werden und etwas Produktives zu tun. Wir entschlossen uns, eine Fahrradtour zu machen. Nach Frankreich. Vorher sollte es aber noch durch Holland und Belgien gehen. Die Idee gefiel uns beiden relativ gut, auch wenn ich irgendwo in meinem tiefsten Inneren nach etwas anderem, etwas Ausgefallenerem strebte. In einem Wort: Rumänien. Es waren schon so viele Menschen vor uns mit dem Fahrrad nach Frankreich oder durch Holland gefahren, dass das ganze einfach nicht abenteuerlich genug war. Johanna war sofort begeistert und wir machten uns an die Planung. Aus lauter wirr-kreativen Ideen, wie sie nun mal zu hunderten in unseren Köpfen herumeiern, entstand der Plan, das ganze doch als selbstgestellte Aufgabe irgendwie mit einem schulischen Zweck zu verbinden. Zu diesem Zeitpunkt war die Pause natürlich schon längst vorbei.
Die Entwicklung unserer Idee über die Überzeugung unserer Eltern bis hin zu dem Projekt "Von West nach Ost" sollte sich eine ganze Weile hinziehen. Wir begannen unsere Recherchen im Internet und fragten bei verschiedenen Lehrern an, ob sie unser Projekt betreuen wollten. Es fand sich eine rumänische Radseite, die ein Rumänien Infopaket mit der einzigen existenten Fahrradkarte Rumäniens anbot. Wir nutzen diese Gelegenheit sofort und investierten in ein umfangreiches Paket von Zeitschriften, Karten und einer Fahrradersatzteil-Vokabelliste auf Rumänisch. An einem gemütlichen Abend legten wir eine erste grobe Route fest, von Budapest nach Bukarest. Dorthin, wo sogar Google Maps noch nie zuvor gewesen war. Das Land der weißen Flecken auf der online-Karte. Außerdem entschieden wir, alles im Rahmen einer karitativen Spendenaktion umzusetzen. Auf der Suche nach einer unterstützenswerten Organisation, die irgendwie im Zusammenhang mit Kindern und Bildung steht, verbrachten wir lange Zeit mit dem Schreiben von eMails, die meist nicht beantwortet wurden. Wir waren schon sehr frustriert, als wir endlich auf "Concordia" stießen. Concordia ist eine katholische Organisation, die von Pater Georg Sporschill und Ruth Zenkert gegründet wurde und die sich um Straßenkinder kümmert. Sie unterhält verschiedene Zentren und Kinderhäuser in Bukarest und Umgebung, in der Republik Moldau und der Ukraine, wo die Kinder von der Grundversorgung hin bis zu einer praktischen Ausbildung alles erhalten, was sie für einen erfolgreichen Start in ihr eigenes Leben brauchen.
Unsere Anfrage, ob wir Concordia persönlich in Bukarest besuchen könnten, wurde freundlich bejaht. Außerdem schickte man uns einen ganzen Karton voll Informationsmaterial. Das war der Startschuss für unsere Spendensammlungsaktion, oder besser gesagt viele kleine Aktionen. Dies war auch etwa der Punkt, ab dem unsere Eltern begriffen, dass wir es wirklich ernst meinten. Von der ursprünglichen Reaktion, die ein Großteil der Menschen zeigten, denen wir von unseren Plänen erzählten, nämlich eine Mischung aus Erstaunen und Entsetzen, meist noch im Zusammenhang mit Kommentaren über die organisierte Kriminalität, Frauenhandel, Korruption und Armut, wechselten sie langsam zu praktischen Ratschlägen und Warnungen.
Wir ließen uns weiterhin nicht beirren und begannen damit, in der Schule Kuchen zu verkaufen. Mit selbst bedruckten Spendendosen, viel Optimismus und wenig Ahnung von der zu investierenden Zeit begannen wir. Das Geschäft lief gut und ich möchte an dieser Stelle noch einmal allen danken, die uns unterstützt haben. Besonders aber denjenigen, die einen Kuchen für uns gebacken, und uns damit sehr viel Arbeit abgenommen haben. Vielen vielen Dank auch an Miriam, die, ohne uns zu kennen, eine ganze Spendendose für uns vollgesammelt hat!
Neben dem Kuchenverkauf wollte ich auch mit der Einrad AG einen Beitrag leisten. Schon lange wollten wir wieder in der Innenstadt auftreten und Geld für einen guten Zweck sammeln. Wir machten uns also ans Proben, holten die behördliche und die schulische Erlaubnis ein, druckten Flyer, organisierten Musik und einen Infostand und dann konnte es am Freitag, den 13. Juni endlich losgehen. Trotz Regen, unfreundlicher Passanten und allgemeinem Chaos hielten wir es eine ganze Weile aus und sammelten 513 Euro. Vielen Dank an alle, die dabei waren! Und danke auch an den netten Herrn im Nadelstreifenanzug, der auf den Infostand zukam und meinte: "Für was sammelt ihr denn? ... Ach, das ist ja interessant.", seinen Geldbeutel zückte, 20 Euro in eine Spendendose steckte und weiterging.



Bei dieser Aktion zeigte sich auch die allgemeine Abneigung gegen Rumänien, bzw. gegen Osteuropa allgemein. Manche Leute erwiderten Dinge wie: "Ich spende grundsätzlich nur für Deutsche.",  oder "Für Rumänien? Das kommt doch sowieso nicht an." Ersteres hat uns sehr geschockt und in dem Plan bestätigt, mit unserem Projekt etwas zur Völkerverständigung und Toleranz beizutragen. Der Zweite Kommentar zeugt daher, dass in der Vergangenheit mehrmals Betrüger in der Innenstadt Spenden gesammelt, und diese dann nicht weitergeleitet haben. Aber wer kann schon ernsthaft einer Gruppe 5.-7.- Klässlern einen solchen Betrug unterstellen?
Nach dieser Aktion lief der Kuchenverkauf weiter, und wir durften auch bei zwei Gemeindefesten in Wilhelmsburg Waffeln verkaufen. Eines davon fiel leider mehr oder weniger ins Wasser, dafür war das Interesse an unserem Projekt jedoch sehr groß. Auch beim Schulmusical hatten wir einen Infostand, der leider größtenteils ignoriert wurde. Allerdings hörten wir sehr interessante Geschichten von einem Mann, der zur Zeit der Ceaucescu Diktatur das Land bereist hatte. Gruselig.
Wir machten uns auch auf Sponsorensuche, in der Hoffnung, ein wenig von unseren Reisekosten einsparen zu können.  Das gelang uns zwar nicht, dafür spendierte uns aber das Fahrradcenter einen kostenlosen Fahrradcheck und montierte uns Tacho, Sattel usw. umsonst.
Als wir endlich die Spendensammlung für beendet erklärten und den Inhalt der Spendendosen (7 kg) zählten, erhielten wir einen Betrag von sage und schreibe 926,70€. Noch einmal vielen Dank an alle, die das ermöglicht haben!
Inzwischen hatten auch die Ferien begonnen und die Reisevorbereitungen waren in vollem Gange. Die letzte Zeit waren wir so viel Fahrrad gefahren und gelaufen wie möglich, um eine gewisse Fitness zu erreichen. Die Fahrkarten waren besorgt und für den Rückweg hatten wir ein Busunternehmen gefunden, das unsere Fahrräder zurück nach Hamburg bringen sollte. Der Fahrradtransport ist nämlich, soweit man das übers Internet herausfinden kann, in Ungarn grundsätzlich im Zug nicht erlaubt.
Außerdem hatten wir ein Hostel in Budapest vorgebucht und über das Internet schon mehrere Leute aus dem Hospitalityclub angeschrieben, ob wir bei ihnen übernachten dürften. Der Hospitalityclub basiert auf dem Prinzip der Gastfreundschaft, das heißt man übernachtet kostenlos bei Einheimischen und ist sozusagen mitten im Alltag des Landes. Es gibt Mitglieder auf der ganzen Welt. Wir waren schon sehr gespannt darauf, diese Menschen zu treffen und einen kleinen Einblick in ihren Alltag zu bekommen.
Als all das geklärt war, fühlten wir uns mehr oder weniger gut vorbereitet auf unsere (geplant) 1091 km lange Fahrradtour.

3.8.08 18:11
 


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