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Garda de Sus - Alba Lulia


133 km

Nach einem weiteren leckeren Frühstück (und ein paar Missverständnissen unser Vegetarierdasein betreffend) wollten wir los. Hätten wir nicht von selbst bezahlt, so hätte wahrscheinlich niemand Geld von uns verlangt. Wir waren schon beim Beladen unserer Räder, als mit einfiel, dass ich den Zimmerschlüssel noch in der Tasche hatte. Ich brachte ihn der netten Frau und sie wollte sich erst einmal halb totlachen. Irgendwie bekam ich mit, dass sie die Vorstellung, was wir in Hamburg mit dem Schlüssel anfangen sollten so witzig fand. Vielleicht hat sie sich auch einfach unsere verdutzten Gesichter vorgestellt, wenn wir zu Hause den Schlüssel ausgepackt hätten. Wir verabschiedeten uns und machten uns schweren Herzens auf den Weg. Das Apuseni Gebirge, insbesondere Garda de Sus, ist uns doch sehr ans Herz gewachsen. Das Leben läuft so ruhig und entspannt ab, wie ich es noch nie gesehen habe. Zum Beispiel stand in Garda de Sus auf einer kleinen Wiese ein Bauer. Er hielt eine Kuh an einem Strick und sah ihr gedankenverloren beim Grasen zu. Was für eine Ruhe. Irgendwo dort beschlossen wir wohl auch, selbst Tomaten anzupflanzen. (Und ihnen beim Wachsen zuzusehen.)
Wir radelten also weiter. Es war noch sehr früh und anfangs etwas nebelig. Die Strecke war aber schön zu fahren. Zwischendurch kamen wir immer wieder an kleinen Dörfern vorbei, die uns an italienische Bergdörfchen erinnerten, wie man sie aus Filmen kennt. Der Weg war lang und beschwerlich (oh ja...) und wir fuhren weite, weite Strecken, bis wir schließlich irgendwo falsch abbogen, ohne es zu merken. Wir fuhren über eine große Betonbrücke, nach rechts. An einem Baugerüst vorbei und dann, wie es uns vorkam, ständig bergab. Besonders schlimm war ein ziemlich aggressiver Hund, der uns unser Tempo verdoppeln ließ. Irgendwie schafften wir es, dass nach unseren Füßen schnappende Viech hinter uns zu lassen. Von da an ging es locker über eine hügelige Strecke. Die Dörfer wurden immer kleiner und bei manchen wäre ich jede Wette eingegangen, dass sie noch nie zuvor ein Tourist betreten hatte. Irgendwann ging uns auf, dass dies nicht der richtige Weg sein konnte. Wir hielten an und fragten ein paar Männer um Rat, die neben einer Holzhütte irgendetwas bauten. Sie kamen zum Zaun und versuchten zu verstehen, was wir von ihnen wollten. Irgendwie schafften wir es, mit Hilfe unserer Karte, ihnen unser Anliegen verständlich zu machen. Wie befürchtet deuteten sie daraufhin in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Sehr niedergeschlagen, da wir schon mindestens eine Dreiviertelstunde in dieser Richtung unterwegs gewesen waren, machten wir uns auf den Weg zurück. Ein Stück weiter, zwischen weiteren Holzhütten, Kühen und frei herumlaufenden Hühnern verspürte ein alter Rumäne mit Hut und gigantisch dicken Brillengläsern (durch die uns seine Augen ziemlich überdimensioniert anschauten) das Bedürfnis, sich mit uns zu unterhalten. Über der Schulter trug er eine Sense. Wir erklärten ihm auf unserem erlernten Rumänisch, woher wir kamen, wohin wir wollten und dass wir die Strecke mit dem Fahrrad gefahren waren. Irgendwie war er mir sympathisch, auch wenn ich ihn natürlich nicht wirklich verstand. (Das lag an fehlenden Sprachkenntnissen genau so wie an seiner zahnlückenbedingten Aussprache.)
Der Rückweg ging wider erwarten sehr schnell. Wir dachten zwar, wir wären die ganze Zeit bergab gefahren, in Wirklichkeit muss es aber immer leicht ansteigend gewesen sein. (Wahrnehmungsschwierigkeiten. Müssen wir uns Sorgen machen?) Wir rasten an dem verdammten Köter vorbei und waren schon nach kurzer Zeit wieder dort, wo wir abgebogen waren.
Später machten wir an einem Schnellstraßenrastplatz halt. Wir wollten an der Tankstelle ein Eis kaufen, aber sie hatten keins. Stattdessen machten wir es uns an dem Rastplatz bequem und kochten ein Nudelsüppchen. Mit Löwenzahn :D Dann ging es weiter. Wir fuhren mehr oder weniger gut gelaunt bergauf. Erst ging es durch ein kleines Dorf, in dem uns die Leute etwas verwirrt anguckten, dann serpentinenartig weiter in den Wald hinein. Irgendwo dort entdeckte ich einen Meilenstein, mit einer sehr seltsamen Aufschrift. Der Name darauf lag genau entgegengesetzt unseres Weges. Wir hielten an und beschlossen dann, wieder zurückzufahren. Wir hatten ziemlich viel Spaß dabei, den Berg wieder hinunterzurasen, an einem Auto mit Pferdeanhänger vorbei, das am Straßenrand parkte und dann wieder durch das Dorf. Als wir schließlich wieder ganz unten angekommen waren, sahen wir zu unserem Entsetzen aber ein Schild, dass uns sagte, dass es doch der richtige Weg gewesen war. Gut, dass Johanna in dem Augenblick keine Waffe zur Hand hatte, sonst hätte mein Leben wahrscheinlich ein schnelles Ende gefunden. Jedenfalls fuhren wir zum dritten Mal durch das Dörfchen, fühlten uns schon sehr von den Dörflern beobachtet und waren auch nicht mehr in besonders guter Verfassung. Dann ging es an dem Pferdeanhängerauto vorbei, dessen Fahrer uns mittlerweile auch etwas verständnislos ansahen. Irgendwie schleppten wir uns immer weiter und schafften schließlich auch diesen Berg. (Ich eigentlich mehr schiebend als fahrend und natürlich verlief die Strecke neben einem Rinnsal, flussaufwärts. Was sonst?) Irgendwann erreichten wir dann aber einen Pass und danach ging es tatsächlich einfach nur bergab. Viel weiter wäre ich auch nicht gekommen. Auf jeden Fall rauschten wir den Berg nur so hinunter. Unten angekommen lag Zlatna, eine ziemlich heruntergekommene und ärmliche Stadt. Dort wollten wir uns endlich das Eis, das uns als Motivator für den Berg gedient hatte, gönnen. Ich wartete mit den Rädern, während Johanna in den nächsten Laden ging. Neben mir am Straßenrand saß ein alter Rumäne, wie sollte es anders sein, ohne Zähne. Außerdem fehlten ihm die Beine und er saß im Rollstuhl. Ich war ziemlich fertig und er versuchte sich mit mir zu unterhalten. Irgendwie hatte ich aber keine Lust dazu, zumal mir die ganze Stadt nicht geheuer war. Schließlich konnte ich Johannas Rad nicht mehr halten und es kippte um. Ich war zu erschöpft um es wieder aufzuheben und ließ es einfach liegen. Der Rumäne schlug dann aber vor, ich sollte die Räder doch an die Straßenlaterne lehnen. Das tat ich dann auch. Als Johanna wiederkam fragten wir ihn, ob es noch viele Berge auf dem Weg gebe, aber wir konnten mit seiner Antwort nichts anfangen. Johanna erzählte mir dann, dass die Frau im ersten Laden sie zum nächsten geschickt habe, nur weil es dort Kugeleis gab. Wie nett. Wir genossen unser wohlverdientes Eis, während der Rumäne Besuch von einem Bekannten bekam. Die beiden sahen ziemlich schmuddelig aus, wie die ganze Stadt.
Wir machten uns wieder auf den Weg. Das Gelände wurde tatsächlich flacher und angenehmer zu fahren. Immer öfter kamen wir an kleinen Dörfern und Städten vorbei und nicht selten sahen wir alte Frauen am Straßenrand sitzen, wo sie einige Tomaten und anderes Gemüse verkauften. Kurz vor Alba Lulia riefen wir Marius an und besprachen einen Treffpunkt. Vor einem großen Supermarkt, den wir gar nicht verfehlen könnten. Dort angekommen fanden wir uns auch relativ schnell. Marius war sehr nett und mit einer Art Jeep gekommen. Wir fuhren hinter ihm her durch die Stadt, wobei wir ein ziemliches Verkehrshindernis waren. Irgendwo hielt uns ein Polizist an und erzählte uns irgendwas. Wir verstanden ihn natürlich nicht, setzten aber unsere Helme, die wir wegen der Hitze auf dem letzten Stück abgenommen hatten, wieder auf. Wenn man im nachträglich darüber nachdenkt, kann er das eigentlich unmöglich gemeint haben, da wir in ganz Rumänien keinen einzigen Radfahrer mit Helm gesehen haben. Uns mal ausgeschlossen.
Wir holten Marius wieder ein, der ein Stück weiter besorgt auf uns gewartet hatte. Wir stellten die Räder bei einem Freund von ihm unter, der eine Garage hatte. Dieser war anscheinend ein Geschäftsmann und, wie das Wort schon sagt, ziemlich beschäftigt. Pausenlos hielt er ein Handy an sein Ohr und sprach angeregt, während er mit uns und Marius mit Kopfnicken und Mimik kommunizierte. (Was für ein Kontrast zum ruhigen Leben in Garda de Sus, dem Bauer und seiner Kuh.) Als die Fahrräder hinter Massen von Baumaterial in der Garage verstaut waren, stiegen wir ins Auto und holten Marius Frau, Andrea ab. Unterwegs fuhr er Tanken und schenkte uns die kalte Cola, die er als Bonus bekommen hatte. Genau das richtige nach der Tagestour. Während der Fahrt unterhielten wir uns und erzählten ihnen von unserem Projekt. Uns wurde einmal mehr der Unterschied zwischen Land und Stadt deutlich. Marius und seine Frau waren genau so westlich orientiert und erfolgreich im Berufsleben, wie Menschen in Westeuropa. Außerdem waren sie davon überzeugt, dass es allen in Rumänien gut gehe. Marius’ Kommentar zu Straßenkindern beschränkte sich auf "It used to be a problem." Aber selbst in einer modernen Stadt wie Alba Lulia sahen wir eine Pferdekutsche durch die Straßen fahren, die Marius scherzhaft als Touristenkutsche bezeichnete.
Die beiden wohnten in einem von außen ziemlich gammelig aussehenden Plattenbau. Als wir unsere Sachen nach oben schleppten (gefühlt war es mindestens der 6. Stock), fiel uns auf, dass jede Tür im Haus anders aussah. Von der Wohnung waren wir dann sehr angenehm überrascht. Sie war schick und modern eingerichtet. Wir waren die ersten Hospitality-Gäste der beiden. Vorher waren sie durch Europa gereist und hatten bei anderen Leuten übernachtet. Jetzt wollten sie sich für die genossene Gastfreundschaft revanchieren. Der Hospitalityclub ist doch eine wunderbare Sache. Wir duschten und checkten unsere E-Mails. Andrea kochte uns ein superleckeres vegetarisches Abendessen. Den Rest des Abends verbrachten wir eisessend, biertrinkend beim Fußballgucken mit den Beiden. Rumänien spielte gegen ich-weiß-nicht-mehr-wen. Wir fieberten mit, aber ich glaube sie haben trotzdem verloren. So genau weiß ich das nicht mehr. Wir waren todmüde und sobald die beiden sich zurückgezogen hatten, schliefen wir auch schon tief und fest.

Noch eine kleine Anmerkung zu Meilensteinen in Rumänien: Sie stehen in regelmäßigen Abständen am Straßenrand, sind aus Beton, oben halbrund und Rot-Weiß angestrichen. Darauf steht (je nach Motivation des Malers zum Zeitpunkt der Beschriftung) in mehr oder weniger leserlichen Ziffern die Kilometeranzahl bis zu nächsten Ortschaft. Komischerweise scheint man sich stellenweise von seinem Ziel zu entfernen, je weiter man fährt. Oder man kommt nicht mehr vom Fleck. An anderen Stellen rast man nur so und überspringt ein paar Kilometer in Sekunden. Grundsätzlich verlässt man sich also besser auf seine Karte und den Tacho.

13.8.08 16:40
 


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